ORCHESTER: Geschichte

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Die Junge Süddeutsche Philharmonie / Versuch einer Entwicklungsgeschichte

1956 war es, als Erich Reustlen, damals Dozent, später Professor an der Hochschule für Musik Trossingen, in Reutlingen ein Ensemble gründete: das Süddeutsche Jugendorchester, das sich schon bald darauf Süddeutsches Jugendsinfonieorchester nannte. Nach ersten Probenphasen trat dieses aus Schülern und Studierenden bestehende, in seiner Art damals einzigartige Ensemble 1957 zum ersten Mal mit einem sinfonischen Programm öffentlich auf. Zur Erinnerung: gerade vier Jahre vorher war der Deutsche Musikrat ins Leben gerufen worden, und das vom Verband der Musikschulen (VdM) getragene Landesjugendorchester Baden-Württemberg gab es erst sechzehn Jahre später.

Anlässlich der Orchestergündung erschien in den Reutlinger Nachrichten am 19. September 1957 der folgende Artikel:

Doch Erich Reustlen wollte den Instrumentalisten seines Ensembles schon in den 1950er Jahren das Spielen sinfonischer Werke, die sonst Berufsorchestern vorbehalten geblieben wären, ermöglichen. Vor allem für dieses Engagement erhielt er später das Bundesverdienstkreuz am Bande. 1968 wurde das junge Orchester Mitglied bei den Jeunesses Musicales Deutschland. Um auch Erwachsene als Mitglieder zu gewinnen und die Kontinuität im Ensemble zu gewährleisten, verzichtete Erich Reustlen auf eine Altersbegrenzung nach oben, was einen Namenswechsel notwendig machte: 1969 wurde aus dem Jugendsinfonieorchester die Junge Süddeutsche Philharmonie. Weitere vier Jahre später verwandelte Reustlen zum Zweck der Arbeitsteilung mit Hilfe einiger Mitglieder die Musiziertruppe in einen eingetragenen Verein. Mittlerweile hatte sich auch die Gesellschaft der Musikfreunde (GdM) Reutlingen mit dem Ziel zusammengefunden, das Orchester zu unterstützen.

In diese Anfangszeit, die sich durch eine recht kontinuierliche Besetzung auszeichnete, fallen auch alle bisherigen Auslandsreisen des Orchesters, die vom Auswärtigen Amt gefördert wurden. Sie führten die Musiker zu Konzerten in die Türkei, nach Spanien, Frankreich und Italien.

1976, nach zwanzig Jahren erfolgreicher Tätigkeit, gab Erich Reustlen die Leitung an Bernhard Kontarsky ab. Kontarsky, später Professor an der Hochschule für Musik Frankfurt, leitete das Orchester von 1977 bis 1982 und wagte den ersten Schritt zu großen Werken der Spätromantik und Moderne. Gemeinsam mit seiner Frau Elfriede Früh-Kontarsky, der ersten professionellen Konzertmeisterin, verbesserte er die technische und spielerische Qualität des – wenn auch engagierten – Laienorchesters erheblich. Auch die das Orchester umgebende Musiklandschaft Baden-Württembergs entwickelte sich in dieser Zeit rasant: 1972 war das Landesjugendorchester Baden-Württemberg gegründet worden. Im selben Jahr hatte sich auch der Landesmusikrat gebildet, der Ende der 70er Jahre den Kammermusikkurs Baden-Württemberg und etwas später die Junge Kammerphilharmonie Baden-Württemberg ins Leben rief, um besonders Begabte, Preisträger von "Jugend musiziert" und Musikstudierende zu unterstützen.

Nach Kontarskys Berufung an die Frankfurter Musikhochschule leitete Bernhard Güller, heute Chefdirigent der Nürnberger Sinfoniker, die Junge Süddeutsche Philharmonie von 1983 bis 1997. Er förderte das Orchester vor allem in klanglicher Hinsicht und führte französische, englische und amerikanische Musik sowie Werke des 20. Jahrhunderts ein. In die Ära Güller fällt auch der aus organisatorischen Gründen notwendige Umzug des Vereinssitzes nach Esslingen im Jahr 1987 und die daraus resultierende Umbenennung in Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen (JSPE). Im selben Jahr übernahm die Gemeinschaft der Freunde und Förderer (GdF) die Aufgaben der Gesellschaft der Musikfreunde. Seit 1992 veranstaltet die JSPE außerdem jedes Jahr die "Sinfonische Akademie Baden- Württemberg", auf der mit Gastdozenten ein Sinfonieprogramm erarbeitet und anschließend mehrfach aufgeführt wird.

Bild: Michael-Bauer-Schule
Ab 1998 übertrug Bernhard Güller die Leitung des Orchesters – zunächst kommissarisch – Andreas Kraft, den die Orchestermitglieder zuvor schon als Dozent und Solist kennen gelernt hatten. Kraft, heute Professor für Posaune an der Hochschule für Musik in Würzburg und bereits seit Jahrzehnten Soloposaunist im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, wurde 1999 vom Orchester zum künstlerischen Leiter gewählt.

Er setzt mit seinen orchesterpädagogischen Fähigkeiten neue musikalische Schwerpunkte; in seinen Programmen finden sich zeitgenössische Werke neben gehobener Unterhaltungsmusik. Mittlerweile hat die gezielte Förderung von Musikschulen und Laienorchestern durch die öffentliche Hand, besonders in den 1970er und -80er Jahren, zu einer starken Entwicklung des Orchesterspiels in Baden-Württemberg geführt. Auch Gemeinden, Schulen und Musikschulen verfügen in den letzten Jahren und Jahrzehnten zunehmend über eigene Klangkörper; das Musizieren im Orchester an Musikschulen setzt früher ein.

Auch die JSPE wurde und wird mit diesen Entwicklungen konfrontiert. Junge ehrgeizige Musiker haben weit mehr Spielmöglichkeiten als ehedem. Außerdem trägt das ausufernde Freizeitangebot außerhalb des Musikbereichs nicht zu einer stärkeren Bindung an das Orchester bei. Hinzu kommt die natürliche Fluktuation durch junge Spieler, die nach dem Schulabschluss wegziehen, um ihr Studium oder eine Berufsausbildung zu beginnen.
Daher gibt es in der JSPE zwar nach wie vor einen festen Stamm an Spielern, aber die Gesamtentwicklung geht in Richtung Projektorchester. Doch auch dieses hat sich durchaus profiliert:

Zahlreiche Konzerte der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen wurden vom Südwestrundfunk aufgezeichnet und auf CDs bei Sony Music, Aurophon und in der orchestereigenen Edition veröffentlicht. 1996 wurde dem Orchester der Esslinger Kulturpreis verliehen, 1998 erhielt es den Förderpreis der „Tegernseer Golf- und Musiktage e.V.“. In die Bundesvereinigung Deutscher Liebhaberorchester wurde die JSPE 1997 aufgenommen.

2006 schließlich übernahm das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) die Patenschaft für die JSPE offiziell. Diese Patenschaft ist Teil des Projektes „tutti pro“ der Deutschen Orchestervereinigung und der Jeunesses Musicales Deutschland. Die Patenschaft wurde im Rahmen zweier gemeinsamer Konzerte beider Orchester 2006 und 2007 öffentlich besiegelt. Man kann die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen (JSPE) damit getrost als semiprofessionelles Orchester bezeichnen.

Ines Stricker / Dr. Markus Schuster


 

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Das Logo des Orchesters

Das Logo des Orchesters ist die "Muse", ein Farbholzschnitt von HAP Grieshaber. Der Künstler HAP Grieshaber wurde vom Vorstand des damals noch jungen Orchesters um die Gestaltung eines Orchester-Logos angefragt . Das Ergebnis seiner Arbeit war der Farbholzschnitt "Die Muse".

Weitere Informationen zum HAP Grieshaber sind hier zu finden.