Glutvolles Spiel

Meisterkonzert mit großem Orchester

 

Von Rainer Kellmayer

 

An instrumentalem Aufwand hat Anton Bruckner in seiner achten Sinfonie wahrlich nicht gespart: In einen gewaltigen Streicher- und Bläserapparat hat er sechs Pauken, drei Harfen und acht Hörner integriert. So sprengte die Großbesetzung der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen fast die Bühne des Neckar Forums, als sie mit Bruckners Monumentalwerk die Meisterkonzert-Saison eröffnete. Dirigent Andreas Kraft hatte die von Bruckner überarbeitete zweite Fassung aus dem Jahr 1890 gewählt. Imposantes Volumen stand neben großflächigen Passagen, Nebenstimmen wurden herausgekitzelt, ohne in Kleinteiligkeit zu verfallen. Energie und Überzeugungswillen prägten Krafts Interpretation - Bruckners Musik leuchtete in all ihrer Schönheit und Natürlichkeit. Im Kopfsatz gaben die blechgeschwängerten, mächtigen Blöcke des Beginns schroffen Klangblitzen und gesanglichen Bläsersoli Raum. Kraft motivierte zu glutvollem Spiel, nahm die Zügel bei der orchestralen Fahrt über Höhen und Täler immer wieder fest in die Hand. So sicher gelenkt, schwangen sich die Jungphilharmoniker zu einer imponierenden Leistung empor, überzeugten durch Einsatzfreude und Mut zur Gestaltung. Das Scherzo brachte ländliche Motive, überschattet von tragischen Akzenten, leider aber auch Präzisionsverluste, die auf Kosten der Klangtransparenz gingen. Im Adagio wurde der Konzertsaal zur Kathedrale, die Musik zum Gottesdienst. In erhabenem Ernst flossen die Melodiestränge, dichte Harmoniefolgen und typisch Brucknersche Modulationen sorgten für feierliche Momente: Im samtweichen Klang der Violinen und Wagnertuben endete der Satz in ruhigem Versenken. Aus dieser Andacht wurden die Hörer jäh herausgerissen, als das Finale mit martialischem Blecheinsatz unvermittelt und phonstark eingeläutet wurde. Nach vehementen Blechattacken und mächtigen Paukenschlägen entwickelte sich eine Fülle an Motiven, Themen und Melodien - Zeugnisse Bruckners satztechnischer Meisterschaft. Ein weites Feld thematischer Verwebungen wurde durchschritten, dann stürmte das Orchester, angeführt von der prächtigen Blechbläsergruppe, zum grandiosen Höhepunkt, einem Finale voller Verve und Leuchtkraft.

Eigentlich hätte es genügt, Bruckners 80-minütige Sinfonie aufzuführen. Doch Andreas Kraft wollte dem jungen französischen Oboenvirtuosen Philippe Tondre Gelegenheit geben, seine bläserische Kunst zu demonstrieren. Tondre nützte die Gunst der Stunde und absolvierte Mozarts Oboenkonzert C-Dur, KV 314 mit schlankem Ton, makelloser Technik und artikulatorischer Raffinesse. Gestützt vom aufmerksam sekundierenden Orchester legte er im Mittelsatz betörend schöne Klangflächen und wagte sich mutig auch in die Grenzbereiche des Pianissimos. Das Rondo sorgte für einen fröhlich-virtuosen Kehraus, unbeschwert und voller Lebensfreude. Beim begeistert applaudierenden Publikum bedankte sich Tondre mit dem Allegro aus Johann Sebastian Bachs Sonate für Flöte solo a-Moll.

 

Artikel vom 06.10.2009 © Eßlinger Zeitung